Nervennahrung

Systemrelevanz

Die Corona-Pandemie zeigt auf, wer oder was systemrelevant ist. Systemrelevant sind u.a.

  • Bundesliga (Regelmäßige Tests),
  • Flugreisen für Urlaubszwecke, bei denen an Bord das Abstandsgebot nicht gilt und
  • Billigschnitzel vom Discounter, die unter tier- und menschenunwürdigen Bedingungen in Betrieben wie Tönnies und anderswo hergestellt werden, denn das dort über Werkarbeitsverträge nur indirekt angestellte Prekariat soll jetzt auch zwei Mal wöchentlich getestet werden.

Nicht systemrelevant sind

  • Alte Menschen, die seit Monaten in Pflegeheimen in Isolationshaft genommen werden und jetzt allenfalls hinter Plexiglas von ihren Angehörigen besucht werden dürfen, die sie dann selbstverständlich nicht berühren dürfen.
  • Alte Menschen, die in den Pflegeheimen dem Infektionsrisiko durch Corona-Sars-Cov2 ausgesetzt werden, weil die Pflegekräfte nicht regelmäßig getestet werden und
  • die Pflegekräfte selbst (s.o.).

Und selbstverständlich sind auch Sie, liebe Studentinnen und Studenten, nicht systemrelevant - wie der gesamte Bildungsbereich. Nicht nur, daß es keine Milliardenhilfen für Sie gibt, es gibt noch nicht einmal Pläne, wie ein geordneter Präsenzbetrieb in Zukunft an den Hochschulen aussehen soll. Und für die Schulen ist der Betrieb im neuen Schuljahr mehr als unklar: “Solange kein Impfstoff entwickelt ist, werden wir nicht zum gewohnten Schulalltag zurückkehren können”, sagt unsere Bildungsministerin, Frau Karliczek (taz). Auf alle Fälle gibt es für Sie keine flächendeckenden Tests, die einen Regelbetrieb ermöglichen könnten. Sie sind im Gegensatz zu Billigfleisch nicht systemrelevant.

Vielmehr wird man Ihnen erzählen, daß die Digitalisierung der Hochschullehre ein wahnsinniger Erfolg sei und daß es deshalb in der “neuen Normalität” (“Ignorance Is Strength”) genau so weitergehen solle. Damit keine Mißverständnisse aufkommen: Ich bin sehr stolz darauf, was wir als Hochschule in diesem “Corona-Semester” auf die Beine gestellt haben! Aber “normal” ist das nicht. Und gut auch nicht. Mich verwundert schon lange, wie häufig gerade sich selbst als “progressiv” und “links” gebende Menschen in der flächendeckenden Digitalisierung der Bildung einen Segen sehen. Flächendeckende Digitalisierung ist vor allem im Interesse der großen Digitalkonzerne wie Google, Amazon, Apple und Facebook und wird in Deutschland von Medienkonzernen wie Bertelsmann propagiert. Digitalisierung der Bildung ist aber vor allem eins: billig. Dass also eine Bildungslandschaft, in der die Masse mit billigen Digitalangeboten abgespeist wird, während die “Elite” ihre Kinder zu analogen F2F Hochschulen nach Oxford, Cambridge und Stanford schickt, der feuchte Traum ausgerechnet von “progressiven” Kräften ist, kann ich nur mit geistiger Verwirrung erklären.

Es wird daher m.E. höchste Zeit, daß Bildung endlich in den gesellschaftlichen Fokus rückt und wir anzufangen darüber zu diskutieren, wie Schulen und Hochschulen ihrem Auftrag wieder nachkommen können!

Als kleinen Beitrag dazu plant die Informatik - trotz widriger äußerer Bedingungen - für das nächste Wintersemester wenigstens für die Erstsemester in ausgewählten Modulen Präsenzunterricht anzubieten. Wir werden Sie darüber über die gewohnten Kanäle zur gegebenen Zeit rechtzeitig informieren.

Und damit kein weiteres Mißverständnis aufkommt: Selbstverständlich werden wir auch in Zukunft (nach Corona) digitale Möglichkeiten nutzen und - wo es sinnvoll ist - ausbauen. Die Krise hat hier gnadenlos aufgezeigt, daß die Jahrzehnte lange Vernachlässigung von Bildungsinvestitionen dazu geführt hat, daß Deutschland in digitaler Hinsicht ein Schlußlicht unter den entwickelten Ländern darstellt. Diese Digitalisierungslücke gilt es aufzuholen - möglichst mit offenen Lösungen (Open-Source) und nicht, indem man sich in neue Abhängigkeiten begibt.