Nervennahrung

Meinungsmache

Ein “schönes” Beispiel dafür, wie man mit Wissenschaft und Statistik Meinungsmache betreiben kann, anstatt aufzuklären, macht zur Zeit die Runde: “Frauen mit Kindern werden seltener zu Bewerbungsgesprächen eingeladen”, “Mütter werden seltener zu Bewerbungsgesprächen eingeladen” “Mütter seltener zu Bewerbungsgesprächen eingeladen”, “Ungleiche Chancen bei der Jobsuche”,“Väter hui – Mütter pfui”, um nur wenige Fundstellen zu nennen.

Wie immer empfiehlt es sich, die Studie selbst anzuschauen, eine frei verfügbare Version als Preprint finden Sie hier. Die nachstehende Grafik verdeutlicht die Wahrscheinlichkeit zu einem Jobinterview eingeladen zu werden:

Grafik Verteilung Interviews

Quelle: Hipp, Lena, “Do hiring practices penalize women and benefit men for having children? Experimental evidence from Germany” http://dx.doi.org/10.1093/esr/jcz056

Wie Sie sehen, haben Frauen mit Kind in der Tat geringere Chancen, zu einem Jobinterview eingeladen zu werden als Frauen ohne Kind. Man sieht auch, dass es bei Männern keine signifikanten Unterschiede zwischen Vätern und Nicht-Vätern gib. Was man aber auch sieht ist, dass Frauen mit und ohne Kind deutlich bessere Chancen haben als Männer. Hier noch einmal in Zahlen:

Gruppe Einladungen
Kinderlose Frauen 22%
Mütter 17%
Kinderlose Männer 16%
Väter 15%

Das ist eine überraschende Tatsache, die im Originalartikel auch erwähnt, aber nicht erklärt wird. (Dort findet man lediglich die Hypothese, dass es an der größeren physischen Attraktivität der Bewerberinnen gegenüber den Bewerbern gelegen haben könnte.) Dieser Befund ist so überraschend und widerspricht gängigen Narrativen, dass Zweifel am Studiendesign begründet wären. In der Tat, wenn man anstelle von Einladungen auch Callbacks berücksichtigt hätte - wie es in vergleichbaren Experimenten häufig gemacht wird-, dann wäre der Unterschied zwischen Müttern und Nicht-Müttern (und zwischen Männern und Frauen?) vermutlich geringer ausgefallen.

Noch viel interessanter ist, dass in allen oben verlinkten Pressemeldungen und Artikeln diese Fakten unterschlagen werden. So kann man Meinungsmache betreiben, ohne im technischen Sinne zu lügen. Sauberer Journalismus sieht anders aus.